Künstliche Intelligenz ist längst im Alltag von Kindern und Jugendlichen angekommen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Schülerinnen und Schüler KI nutzen werden. Die Frage lautet, ob wir sie darauf vorbereiten, KI kompetent, kritisch und verantwortungsvoll zu nutzen.
Noch vor wenigen Jahren hätte eine Diskussion über künstliche Intelligenz im Unterricht schnell nach Zukunftsmusik geklungen. Heute sieht die Situation grundlegend anders aus.
Generative KI kann Texte verfassen, Bilder erzeugen, Informationen zusammenfassen, mathematische Lösungswege erklären, Sprachen übersetzen, Ideen entwickeln oder als persönlicher Lernbegleiter eingesetzt werden. Gleichzeitig kann sie falsche Informationen überzeugend darstellen, Vorurteile reproduzieren, persönliche Daten verarbeiten und dazu verleiten, das eigene Denken an eine Maschine auszulagern.
Genau deshalb gehört KI-Kompetenz aus meiner Sicht zu den zentralen Bildungsaufgaben unserer Zeit.
Die Jugendlichen warten nicht auf die Schule
Ein Blick auf die Schweiz macht deutlich, wie schnell diese Entwicklung bereits stattgefunden hat.
Die repräsentative JAMES-Studie 2024 der ZHAW und Swisscom zeigt: Rund 71 Prozent der befragten Schweizer Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren hatten bereits Erfahrungen mit ChatGPT oder anderen KI-Tools. Rund ein Drittel nutzte KI-Anwendungen bereits mindestens wöchentlich. Die ZHAW spricht davon, dass sich kaum ein Medium zuvor derart schnell in den Alltag von Jugendlichen integriert habe.
Der vertiefende JAMESfocus-Bericht zeigt gleichzeitig ein entscheidendes Problem: Die Nutzung ist vorhanden, ein differenziertes Verständnis der Chancen und Risiken jedoch nicht zwangsläufig. Die Forschenden leiten daraus ausdrücklich einen Bedarf nach neuen medienpädagogischen Angeboten und didaktischen Ideen für Schulen ab.
Das bedeutet:
KI-Nutzung entsteht nicht erst dann, wenn die Schule sie in den Unterricht integriert. Sie findet bereits statt.
Wenn Schule das Thema ausklammert, entsteht deshalb keine KI-freie Lernwelt. Vielmehr nutzen Schülerinnen und Schüler die Technologie ausserhalb eines pädagogisch begleiteten Rahmens.
Internationale Untersuchungen zeigen die gleiche Entwicklung
Auch international zeigt sich ein ähnliches Bild.
UNICEF veröffentlichte 2026 Erkenntnisse aus zehn Ländern. Je nach Land nutzten bereits bis zu 50 Prozent der befragten Kinder KI-Systeme. Millionen von Kindern verwendeten KI für Hausaufgaben. Bemerkenswert ist zudem, dass Kinder mehr als dreimal so häufig KI-Systeme nutzten wie ihre Eltern oder Betreuungspersonen. UNICEF leitet daraus einen klaren Bedarf an umfassender KI-Kompetenz für Kinder und Erwachsene ab.
Auch Daten aus den USA verdeutlichen die Geschwindigkeit der Entwicklung. Das Pew Research Center berichtete 2025, dass sich der Anteil der 13- bis 17-Jährigen, die ChatGPT für schulische Aufgaben verwendeten, innerhalb eines Jahres von 13 auf 26 Prozent verdoppelt hatte. Eine weitere Erhebung aus dem Jahr 2026 zeigt, dass rund jeder zehnte befragte Teenager angab, Chatbots bei allen oder den meisten schulischen Arbeiten zu verwenden. Gleichzeitig gaben 59 Prozent an, dass der Einsatz von KI zum Schummeln an ihrer Schule zumindest gelegentlich vorkomme. Diese Zahlen beziehen sich auf die USA und lassen sich nicht direkt auf die Schweiz übertragen. Sie zeigen jedoch, welche pädagogischen Fragestellungen mit zunehmender Verbreitung der Technologie entstehen.
Die Entwicklung ist deshalb nicht abstrakt.
Sie findet bereits heute statt, während Schulen, Lehrpersonen und Eltern teilweise noch darüber diskutieren, ob und in welcher Form KI überhaupt Teil der Bildung werden soll.
Verbieten ist keine ausreichende Bildungsstrategie
Natürlich gibt es gute Gründe, dem Einsatz künstlicher Intelligenz kritisch zu begegnen.
Was geschieht mit persönlichen Daten? Wie zuverlässig sind generierte Informationen? Wie erkennen Schülerinnen und Schüler Halluzinationen und Manipulation? Wie verändern sich Hausaufgaben und Leistungsnachweise? Was passiert, wenn Lernende eine Aufgabe nicht mehr selbst lösen, sondern lediglich eine KI bedienen?
Diese Fragen sind berechtigt.
Gerade deshalb reicht ein Verbot aber nicht aus.
Ein Verbot vermittelt noch keine Kompetenz.
Ein Kind lernt dadurch nicht, warum ein KI-System überzeugend klingende Falschinformationen erzeugen kann. Es lernt nicht, Quellen zu überprüfen. Es versteht dadurch weder, wie Trainingsdaten funktionieren, noch weshalb ein Algorithmus Verzerrungen enthalten kann. Und es lernt auch nicht, wann der Einsatz einer KI sinnvoll ist und wann bewusst auf sie verzichtet werden sollte.
Die OECD weist genau auf dieses Spannungsfeld hin. Generative KI könne einerseits Lernende und Lehrpersonen unterstützen, andererseits bestehe das Risiko des sogenannten Cognitive Offloading, also der Verlagerung kognitiver Arbeit an technische Systeme. Entscheidend sei deshalb, dass Lehrpersonen und Lernende in der Lage sind, KI-generierte Inhalte zu überprüfen, anzupassen und kritisch einzuordnen.
Es geht somit nicht um KI statt Denken.
Es geht um Denken mit, über und trotz KI.
KI-Kompetenz ist mehr als Prompting
In der öffentlichen Diskussion wird KI-Kompetenz teilweise darauf reduziert, möglichst gute Eingaben für ChatGPT oder andere Systeme formulieren zu können.
Das greift deutlich zu kurz.
Die UNESCO hat deshalb einen eigenen AI Competency Framework for Students entwickelt. Dieser beschreibt zwölf Kompetenzbereiche auf drei Entwicklungsstufen und umfasst vier zentrale Dimensionen:
- eine menschenzentrierte Haltung
- Ethik und verantwortungsvolle Nutzung von KI
- Verständnis von KI-Technologien und deren Anwendungen
- Gestaltung und Entwicklung von KI-Systemen
Die Entwicklungsstufen reichen dabei vom Verstehen über das Anwenden bis zum Gestalten. Ziel ist ausdrücklich nicht nur, Schülerinnen und Schüler zu Nutzern von KI zu machen. Sie sollen zu kritischen, verantwortungsvollen und kreativen Akteuren einer von KI geprägten Gesellschaft werden.
Für mich liegt genau hier der entscheidende Unterschied.
Eine Schule sollte Kindern nicht primär zeigen, welchen Knopf sie drücken müssen.
Sie sollte ihnen helfen zu verstehen, was danach geschieht und wie das Ergebnis beurteilt werden muss.
Auch der Lehrplan 21 bietet dafür bereits eine Grundlage
KI mag technologisch neu sein. Viele der benötigten Kompetenzen sind es nicht.
Im Lehrplan 21 ist im Bereich Medien und Informatik bereits verankert, dass Schülerinnen und Schüler Medien und Medienbeiträge entschlüsseln, reflektieren und nutzen können sollen. Ebenso sollen sie informationsverarbeitende Systeme verstehen und Konzepte sicherer Datenverarbeitung anwenden können. Übergeordnet besteht der Anspruch, Kinder und Jugendliche zu einer selbstbestimmten, kreativen und mündigen Teilnahme an der Mediengesellschaft zu befähigen.
Künstliche Intelligenz verändert damit nicht zwingend den grundlegenden Bildungsauftrag.
Sie erhöht aber dessen Dringlichkeit.
Denn wenn ein System innerhalb von Sekunden einen überzeugenden Text, ein realistisches Bild oder eine scheinbar schlüssige Erklärung erzeugen kann, bekommt die Fähigkeit zur kritischen Beurteilung von Informationen eine völlig neue Bedeutung.
Die Schweizer Bildungslandschaft erkennt den Handlungsbedarf
Auch Educa, die Fachagentur für den digitalen Bildungsraum Schweiz, betrachtet KI längst nicht mehr als kurzfristigen Technologietrend.
Im Trendbericht 2026 wird davon ausgegangen, dass sich künstliche Intelligenz zunehmend als systemische Technologie im Bildungssystem etablieren wird. Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus weg von der blossen Verfügbarkeit digitaler Technologien hin zur Frage, wie kompetent, reflektiert und verantwortungsvoll diese eingesetzt werden.
Medien- und Datenkompetenz werden dabei als zentrale Grundkompetenzen bezeichnet.
Das ist aus meiner Sicht eine zentrale Erkenntnis.
Wir müssen nicht jedem technologischen Trend hinterherlaufen.
Aber wir müssen erkennen, wenn eine Technologie beginnt, Lernen, Arbeiten, Kommunikation und Informationsbeschaffung strukturell zu verändern.
Bei künstlicher Intelligenz ist dieser Punkt erreicht.
Was Schülerinnen und Schüler tatsächlich lernen sollten
Die zentrale Bildungsfrage lautet deshalb nicht:
«Wie bringen wir ChatGPT in die Schule?»
Sie lautet:
«Welche Fähigkeiten benötigen junge Menschen, um in einer von künstlicher Intelligenz geprägten Welt selbstständig urteilen und handeln zu können?»
Dazu gehört beispielsweise zu verstehen, dass eine KI keine Wahrheit kennt, sondern Wahrscheinlichkeiten verarbeitet.
Dazu gehört, Aussagen zu hinterfragen und verschiedene Quellen gegeneinander zu prüfen.
Dazu gehört, KI-generierte Bilder, Texte und Informationen kritisch zu beurteilen.
Dazu gehört, Datenschutz und Privatsphäre zu verstehen.
Dazu gehört, ethische Fragestellungen zu diskutieren.
Dazu gehört aber ebenso, die Möglichkeiten dieser Technologien kreativ zu nutzen: zum Lernen, Forschen, Entwickeln, Gestalten und Problemlösen.
Und vielleicht am wichtigsten:
Schülerinnen und Schüler müssen lernen zu entscheiden, wann KI hilfreich ist und wann das eigene Denken, Diskutieren, Rechnen, Schreiben und Ausprobieren wichtiger ist.
Dabei dürfen wir die Lehrpersonen nicht alleinlassen
Eine Diskussion über KI-Kompetenz von Schülerinnen und Schülern funktioniert nicht ohne die Lehrpersonen.
Die UNESCO hat deshalb neben dem Kompetenzrahmen für Lernende einen eigenen Rahmen für Lehrpersonen entwickelt. Er umfasst unter anderem KI-Grundlagen, Ethik, KI-Pädagogik, professionelle Weiterentwicklung und eine menschenzentrierte Haltung.
Das ist entscheidend.
Lehrpersonen müssen nicht zu Informatikern oder KI-Entwicklern werden.
Sie benötigen aber genügend Verständnis, um didaktische Entscheidungen treffen zu können:
Wann verbessert KI einen Lernprozess?
Wann verhindert sie ihn?
Welche Aufgabenstellung ist unter den heutigen technologischen Bedingungen überhaupt noch sinnvoll?
Wie kann eine Leistung fair beurteilt werden?
Welche Daten dürfen in ein System eingegeben werden?
Und wie bespreche ich mit jungen Menschen die Chancen und Grenzen dieser Technologie?
Das sind keine technischen Detailfragen.
Es sind pädagogische Kernfragen.
Auch Eltern müssen Teil der Diskussion sein
Schule allein kann diese Aufgabe nicht lösen.
KI wird zu Hause, auf dem Smartphone, über Suchmaschinen, in sozialen Netzwerken und zunehmend innerhalb alltäglicher Software genutzt.
UNICEF betont deshalb ausdrücklich, dass Kinder auf gegenwärtige und zukünftige Entwicklungen im Bereich künstlicher Intelligenz vorbereitet werden müssen und gleichzeitig ihre Sicherheit, Privatsphäre, Entwicklung und Rechte geschützt werden sollen.
Deshalb braucht es einen Dialog zwischen Schülerinnen und Schülern, Lehrpersonen, Schulleitungen und Eltern.
Nicht mit dem Ziel, Angst vor künstlicher Intelligenz zu erzeugen.
Und ebenso wenig mit dem Ziel, jede neue Technologie begeistert in den Unterricht einzuführen.
Sondern mit dem Ziel, Orientierung zu schaffen.
Die eigentliche Gefahr ist nicht, dass Kinder KI verwenden
Die grössere Gefahr besteht darin, dass sie KI verwenden, ohne zu verstehen, was sie verwenden.
Dass eine sprachlich perfekte Antwort mit einer richtigen Antwort verwechselt wird.
Dass Effizienz mit Lernen verwechselt wird.
Dass das Generieren eines Textes mit dem Verstehen eines Sachverhalts verwechselt wird.
Oder dass junge Menschen glauben, ein Algorithmus sei objektiv, nur weil seine Antwort selbstbewusst formuliert ist.
Bildung hatte immer die Aufgabe, Menschen dazu zu befähigen, ihre Umwelt zu verstehen und selbstbestimmt darin zu handeln.
Diese Aufgabe verändert sich durch künstliche Intelligenz nicht.
Sie wird wichtiger.
Deshalb sollten wir jetzt handeln
Wir werden heute nicht abschliessend definieren können, welche KI-Systeme Schülerinnen und Schüler in fünf oder zehn Jahren verwenden.
Das müssen wir auch nicht.
Wir können ihnen etwas wesentlich Nachhaltigeres vermitteln:
Urteilsfähigkeit.
Neugier.
Medienkompetenz.
Verantwortung.
Kritisches Denken.
Technologisches Grundverständnis.
Die Fähigkeit, KI als Werkzeug einzusetzen, ohne das eigene Denken an dieses Werkzeug abzugeben.
Genau darin sehe ich eine der grossen Aufgaben der Bildung in den kommenden Jahren.
Nicht jede Schule benötigt morgen ein neues Fach «Künstliche Intelligenz».
Aber jede Schule sollte sich heute die Frage stellen:
Wie bereiten wir unsere Schülerinnen und Schüler auf eine Welt vor, in der künstliche Intelligenz selbstverständlich sein wird?
Aus meiner Sicht darf die Antwort darauf nicht dem Zufall überlassen werden.
Quellen und weiterführende Literatur
ZHAW / Swisscom: JAMES-Studie 2024 und JAMESfocus zum Umgang Jugendlicher mit künstlicher Intelligenz.
Für diesen Eintrag würde ich auf den JAMESfocus-Beitrag verlinken, weil er direkt auf die KI-Nutzung eingeht:
ZHAW: KI im Alltag von Jugendlichen, JAMESfocus
Alternativ für die eigentliche JAMES-Studie 2024:
ZHAW: JAMES-Studie 2024
Educa: Trendbericht 2026 zum digitalen Bildungsraum Schweiz sowie Dossier «KI in der Bildung».
Educa: Trendbericht 2026
UNESCO: AI Competency Framework for Students, AI Competency Framework for Teachers sowie Guidance for Generative AI in Education and Research.
Hier sind es eigentlich drei Quellen. Ich würde entweder nur «UNESCO» verlinken oder die drei Titel einzeln:
AI Competency Framework for Students
AI Competency Framework for Teachers
Guidance for Generative AI in Education and Research
OECD: Digital Education Outlook 2023, Opportunities, Guidelines and Guardrails for Effective and Equitable Use of AI in Education.
OECD: Opportunities, Guidelines and Guardrails for AI in Education
UNICEF: Guidance on AI and Children sowie internationale Untersuchung zur KI-Nutzung von Kindern und Eltern.
Auch hier sind es zwei Quellen:
UNICEF: Guidance on AI and Children
UNICEF: Snapshot of AI Usage and Concerns Among Children and Parents
Lehrplan 21: Modul Medien und Informatik.
Lehrplan 21: Medien und Informatik
Pew Research Center: Untersuchungen zur Nutzung generativer KI durch Jugendliche im schulischen Kontext, 2025 und 2026.
Auch hier würde ich die beiden Jahreszahlen separat verlinken:
Pew Research Center 2025: ChatGPT für schulische Arbeiten
Pew Research Center 2026: How Teens Use and View AI
Kommentar hinzufügen
Kommentare