Widerstand gilt in vielen Organisationen noch immer als Problem.
Als etwas, das weg muss.
Als Zeichen von Unwillen, Faulheit oder mangelnder Einsicht.
Das ist eine gefährliche Verkürzung.
Denn Widerstand ist kein Defekt im System.
Er ist Teil des Systems – und oft dessen ehrlichste Rückmeldung.
Widerstand ist ein Frühwarnsystem
Die bekannte Grafik nach Klaus Doppler und Christoph Lauterburg (häufig zitiert als Doppler & Lautenbach) macht etwas sehr Wichtiges sichtbar:
Widerstand ist nicht eindimensional.
Er lässt sich entlang zweier Achsen einordnen:
1. Aktiv vs. passiv
2. Kommunikationsebene vs. Handlungsebene
Erst diese Differenzierung erlaubt es, Widerstand wirklich zu verstehen – statt ihn vorschnell zu bewerten.
Die vier Gesichter des Widerstands
Widerspruch (aktiv + Kommunikation)
Der klassische Widerstand.
Laut. Direkt. Sichtbar.
- „Das funktioniert so nicht.“
- „Das haben wir schon probiert.“
- „Schon wieder eine neue Sau durchs Dorf.“
Viele Führungskräfte reagieren hier reflexartig mit Argumenten, Zahlen oder Macht.
Dabei ist Widerspruch oft ein Zeichen von Beteiligung.
Wer widerspricht, setzt sich auseinander.
Schweigen wäre deutlich gefährlicher.
Ausweichen (passiv + Kommunikation)
Der subtilere Bruder des Widerspruchs.
- Themen werden vertagt
- Aussagen bleiben vage
- Man redet viel – aber nie über das Eigentliche
Hier fehlt nicht Information, sondern Sicherheit.
Ausweichen ist häufig Selbstschutz.
Aufregung (aktiv + Handlung)
Jetzt wird es emotional.
- Gereiztheit
- Zynismus
- offene Ablehnung im Verhalten
Aufregung entsteht oft dort, wo Menschen das Gefühl haben, keinen Einfluss mehr zu haben.
Oder nicht gehört zu werden.
Lustlosigkeit (passiv + Handlung)
Der leiseste – und gefährlichste – Widerstand.
- Dienst nach Vorschrift
- innere Kündigung
- kein offener Konflikt, aber auch kein Engagement
Hier ist der Change meist schon verloren, lange bevor es jemand merkt.
Was alle Formen gemeinsam haben
Alle vier Ausprägungen sind Ausdruck desselben Phänomens.
Widerstand bedeutet:
„Hier stimmt etwas (noch) nicht für mich.“
Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.
Warum Widerstand nicht verschwindet
❌ Nicht durch Argumente
❌ Nicht durch Druck
❌ Nicht durch Ignorieren
Je stärker man dagegen ankämpft, desto mehr verhärtet er sich.
✔ Widerstand wird kleiner, wenn Menschen verstanden werden.
✔ Wenn Sorgen angesprochen werden dürfen.
✔ Wenn Beteiligung nicht nur versprochen, sondern gelebt wird.
Fuehrung beginnt beim Lesen des Systems
Wer Widerstand richtig einordnet,
- hört genauer hin
- reagiert differenzierter
- und trifft bessere Entscheidungen
Nicht jede Reaktion braucht eine Massnahme.
Aber jede Reaktion verdient Beachtung.
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