Der Halo-Effekt

Veröffentlicht am 13. Jänner 2026 um 09:17

Warum wir Wirkung mit Kompetenz verwechseln und was das in Unternehmen anrichtet

Wir alle halten uns gerne für rational.
Sachlich.
Objektiv.

Die Realität ist unbequemer.

Ein einziges positives Merkmal reicht oft aus, um unsere gesamte Wahrnehmung einer Person zu verzerren. Selbstbewusstes Auftreten. Gute Sprache. Ein starker Titel. Gepflegtes Erscheinungsbild.

Und plötzlich gilt jemand als kompetent, führungsstark und vertrauenswürdig.

Dieses Phänomen nennt sich Halo-Effekt.

Was ist der Halo-Effekt?

Der Halo-Effekt ist ein kognitiver Wahrnehmungsfehler. Ein einzelnes auffälliges positives Merkmal überstrahlt andere Eigenschaften einer Person. Das Gehirn ergänzt den Rest automatisch.

Ein Beispiel aus dem Alltag:
Eine Person tritt souverän auf und spricht klar. Ohne es zu merken, schreiben wir ihr zusätzlich Fachkompetenz, Entscheidungsstärke und Führungsfähigkeit zu. Diese Eigenschaften wurden nicht überprüft. Sie wurden angenommen.

Der Halo-Effekt ist keine Dummheit. Er ist eine Abkürzung des Gehirns, um schneller urteilen zu können.

Warum ist der Halo-Effekt so gefährlich?

Weil er überall wirkt, wo Menschen über Menschen entscheiden.

Typische Situationen:
• Bewerbungsgespräche
• Beförderungen
• Leistungsbeurteilungen
• Projektentscheide
• Führungsbewertungen

Der Effekt sorgt dafür, dass Wirkung stärker zählt als Substanz.

Das führt zu typischen Mustern:
• Die Lauten werden für die Fähigsten gehalten
• Charisma ersetzt Argumente
• Kritik verstummt, weil jemand überzeugend wirkt
• Mittelmässige Entscheidungen überleben erstaunlich lange

Viele Fehlentscheide entstehen nicht aus mangelnder Intelligenz, sondern aus unbewusster Wahrnehmungsverzerrung.

Warum trifft es gerade Führungskräfte?

Weil Führung stark über Auftritt funktioniert.

Führungskräfte stehen im Fokus. Sie sprechen oft. Sie wirken. Sie repräsentieren. Genau das verstärkt den Halo-Effekt.

Das Risiko:
Wer gut wirkt, wird seltener hinterfragt.
Wer überzeugend spricht, wird weniger geprüft.
Wer Präsenz zeigt, bekommt schneller Vertrauen.

Und Vertrauen ohne Prüfung ist kein Leadership. Es ist Hoffnung.

Woran erkennst du den Halo-Effekt im Alltag?

Ein paar Warnsignale:
• Du findest kaum konkrete Kritikpunkte, obwohl Ergebnisse fehlen
• Argumente wirken überzeugend, bleiben aber vage
• Entscheidungen werden selten sauber begründet
• Feedback fällt auffallend wohlwollend aus
• Leistung und Wirkung werden vermischt

Spätestens dann lohnt sich ein bewusster Stopp.

Was hilft gegen den Halo-Effekt?

Der Halo-Effekt lässt sich nicht ausschalten. Aber er lässt sich entschärfen.

Bewährte Ansätze aus der Praxis:
• Leistung konsequent von Auftreten trennen
• Entscheidungen begründen lassen, nicht nur vertreten
• Strukturierte Kriterien statt Bauchgefühl einsetzen
• Mehrere Perspektiven einholen
• Sich selbst aktiv hinterfragen

Die wichtigste Frage lautet nicht:
Wirkt diese Person kompetent?

Sondern:
Woran mache ich diese Einschätzung konkret fest?

Die unbequeme Erkenntnis

Wer glaubt, objektiv zu sein, ist besonders anfällig.
Wer den Halo-Effekt kennt, zweifelt zuerst an sich selbst.

Genau dort beginnt professionelle Führung.

Nicht beim perfekten Auftritt.
Sondern bei bewusster Wahrnehmung.

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